von Dirk Schuck
Eine Forschungsfrage, der das Projekt A03 Besitz als Medium der Gewohnheit in der zweiten Förderphase nachgeht, ist, inwiefern der Ausbau frühindustrieller und munizipaler Infrastrukturen ein verändertes Selbstverständnis marginalisierter Subjekte ermöglichte.
Exemplarisch ist dafür eine Beschreibung des Konsumverhaltens von Dienstmädchen durch den schottischen Politökonomen James Steuart in einem ursprünglich 1769 geschriebenen Regierungsbericht mit dem Titel Considerations on the Interest of the County of Lanark, der 1805 in der ersten Gesamtausgabe von Steuarts Schriften wiederveröffentlicht wurde.
Man hätte erwarten können, dass ein adliger Regierungsrepräsentant wie Steuart sich über die Lanarker Dienstmädchen und ihren Hang, ihr Erspartes für Modeschmuck und Kleidung auszugeben, eher abfällig äußert. Erstaunlicherweise ist dies jedoch nicht der Fall.
In Steuarts frühsoziologisch bemerkenswerter Analyse benutzen die Lanarker Dienstmädchen kleine Besitzobjekte wie Halsbänder zur Signalisierung bestimmter Charaktereigenschaften: Steuarts seinerzeit provokante Behauptung ist, dass der Modeschmuck der Dienstmädchen nicht, wie es der Moralismus der Zeit vornehmlich sieht, deren Oberflächlichkeit und Verschwendungssucht anzeige, sondern im Gegenteil sogar deren Sparsamkeit. Diesen Gedankengang Steuarts führe ich im folgenden aus, doch zunächst einige allgemeine Bemerkungen: Steuarts Beschreibung eines virtue signalling ist wissenschaftshistorisch und kulturgeschichtlich hochinteressant.[1] An ihr kann deutlich gemacht werden, wie ein verändertes Selbstverständnis vormals feudalgesellschaftlich unsichtbarer Akteure (wie der Dienstmädchen) im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert in Westeuropa von der Entstehung eines öffentlich-städtischen Raums abhing, in dem man sich auch als einfache Dienstperson zeigen und gewissermaßen öffentlich präsentieren konnte. Steuarts politökonomischer Bericht über das County Lanark antizipiert auf aufschlussreiche Art und Weise einen Wandel im Verständnis von Besitz- und Konsumobjekten, der sich abseits von England und Schottland erst später durchsetzte. Steuart fragt sich, warum die Lanarker Dienstmädchen gerne bestimmte Halsbänder tragen, wenn sie am Sonntag in das nahe gelegene Glasgow fahren und im Hafen spazieren gehen, während dort die Schiffe anlegen. Seine sozialtheoretisch für die Zeit innovative Erklärung lautet, dass diese Dienstmädchen sich deshalb mit besagten Halsbändern schmücken, weil diese den ankommenden Matrosen symbolisch eine Charaktereigenschaft der Dienstmädchen zur Anzeige bringen sollen; die Halsbänder interpretiert Steuart als einen Akt der Kommunikation, durch die ausgedrückt werden soll, dass die Frau, die sie trägt, eine gute Haushälterin sei, da sie sich sonst die Anschaffung des Halsbandes nicht hätte leisten können. Für Steuart steht das Schmuckobjekt des Halsbandes in einem Akt symbolischer Kommunikation insofern für die Tugend der Sparsamkeit ihrer Trägerin ein. Dies wiederum sieht Steuart selbst als einen symbolischen Akt an, in dem ein Heiratswunsch zum Ausdruck kommen soll. Die Halsbänder der Dienstmädchen sollen demnach signalisieren, dass sie ‚gute Partien‘ sind.
Aus der Perspektive einer geschlechtertheoretischen Rekonstruktion von verhaltenstheoretischen Ansätzen in der frühmodernen politischen Ökonomie handelt es sich gewissermaßen um ein Alleinstellungsmerkmal, dass Steuart das Tragen der Halsbänder genau nicht als bloße Ausstaffierung und Ornamentierung im Sinne einer kommerziellen Selbstpräsentation der Frau als schönes Objekt versteht. Im Gegenteil bringen die Lanarker Dienstmädchen im Tragen ihrer Halsbänder für Steuart etwas zum Ausdruck, was sich als aktive persönliche Kompetenz fassen ließe, nämlich gut wirtschaften zu können. Folgt man der Steuartschen Annahme, lassen sich retrospektiv an dem von diesem angenommenen Selbstverständnis der Lanarker Dienstmädchen handlungstheoretische Aspekte bestimmen, die späteren, konsumgesellschaftlichen Verständnissen einer Statuskommunikation über Konsumpraktiken und Besitzobjekte in vielerlei Hinsicht ähneln: Steuarts Analyse antizipiert eine konsumtive Vorstellung von Privatbesitz, der dabei verstanden wird als Summe der für die persönliche Identitätsbildung ihrer Besitzerinnen relevanten Gegenstände, die einen bestimmten sozialen Status dieser zum Ausdruck bringen sollen. Forschungsthese des Projektes ist es, dass erst eine solche – auf einen symbolischen Kommunikationsakt mit anderen Gesellschaftsmitgliedern zielende – Vorstellung von Privatbesitz dessen Aneignung für die mittleren und unteren Schichten der Gesellschaft zu einem wichtigen Bezugspunkt ihres Lebensalltags werden lassen konnte. Das County Lanark war um die Mitte des 18. Jahrhunderts bereits durch eine munizipale Infrastruktur erschlossen, die das von Steuart beschriebene, neue Verständnis der bürgerlichen Gesellschaft als Raum ständeübergreifender Kommunikation erst denkbar machte.
[1] Vgl. Macdonald, Kenneth, “Adventitious Sociology: Dispassion and Insight in the Scottish Enlightenment”, in: Demeter, Tamás (Hg.): The Sociological Heritage of the Scottish Enlightenment, Edinburgh: Edinburgh University Press, 2024, 46-81, hierzu besonders: 72-74.