2. Juni 2026

Geld, Einfluss und politische Gleichheit: Wie Abgeordnete die Rolle ökonomischer Ressourcen im politischen Wettbewerb einschätzen

Autor:innen: Marion Reiser , Lars Vogel , Pauline Stockmann , Alexander Hentschel

Das demokratische Versprechen politischer Gleichheit - und seine Grenzen in der Realität

Politische Gleichheit ist ein zentrales normatives Versprechen der Demokratie (vgl. Dworkin 2000; Dahl 2007). In der politischen Realität bleibt dieses Versprechen jedoch häufig unerfüllt: Empirische Studien zeigen, dass politische Entscheidungen häufig stärker mit den Präferenzen und Interessen ökonomisch privilegierter Gruppen übereinstimmen als mit denen ressourcenschwächerer Bürgerinnen und Bürger. Larry M. Bartels hat diesen Befund in seiner Analyse des amerikanischen Politikbetriebs mit dem Begriff der „unequal democracy“ beschrieben – eine Demokratie, in der Geld und Einfluss eng miteinander verknüpft sind (vgl. Bartels 2008). Auch für europäische Länder, darunter Deutschland, weisen empirische Ergebnisse sowohl auf ähnliche Muster ungleicher politischer Repräsentation – also wessen Interessen werden in der Politik umgesetzt (vgl. Elsässer et al. 2017) als auch auf den ungleichen Zugang zu politischen Ämtern, also Ungleichheiten in der Rekrutierung, hin. (vgl. u.a. Reiser 2014).

Diese Schieflage entsteht nicht zufällig. Ungleich verteilte ökonomische Ressourcen eröffnen vielfältige Möglichkeiten politischer Einflussnahme. Dazu zählen neben Parteispenden, Lobbying und personellen Überschneidungen von Politik und Wirtschaft auch die Wahlkampffinanzierung – etwa, wenn eigene und parteiexterne finanzielle Mittel maßgeblich innerparteiliche Nominierungsprozesse und Wahlerfolge und damit den Zugang zu politischen Ämtern beeinflussen (vgl. Wiechmann/Holtkamp 2025). Dazu kann aber auch ungleiche Responsivität zählen, wenn also Politikerinnen und Politiker vor allem die Interessen und Präferenzen ökonomisch privilegierter Gruppen bei Ihren Entscheidungen berücksichtigen.

Unbekannt ist jedoch bisher, wie die Politikerinnen und Politiker selbst den Einfluss finanzieller Ressourcen auf Ungleichheiten in Repräsentation und Rekrutierung wahrnehmen und bewerten. Dies ist von großer Relevanz, da sie sowohl konkrete politische Entscheidungen als auch die institutionellen Rahmenbedingungen maßgeblich prägen. Zugleich betrifft die Wahlkampffinanzierung unmittelbar ihre eigenen politischen Karrierechancen. Daher stellt sich die Frage, welche Rolle die Abgeordneten parteiexternen finanziellen Ressourcen im Wahlkampf zuschreiben und wie sie dies bewerten. Und inwiefern sehen sie einen Zusammenhang zwischen finanziellen Ressourcen und politischer Interessenvertretung und Einflussnahme?

Der Blogbeitrag untersucht diese Fragen auf Grundlage der Jenaer Abgeordnetenbefragung 2022, die im Rahmen des Teilprojekts „Ökonomisches Eigentum und politische Ungleichheit“ des SFB „Strukturwandel des Eigentums“ durchgeführt wurde und für die insgesamt 391 Landtags- und Bundestagsabgeordnete befragt wurden (vgl. für eine ausführliche Analyse den Beitrag Reiser/Rinne/Vogel 2023).

 

Finanzielle Ressourcen im Wahlkampf: Ungleichheit im Zugang zum Mandat

Wer heute für ein parlamentarisches Mandat kandidiert, benötigt erhebliche finanzielle Ressourcen – etwa für Plakate, Veranstaltungen, digitale Werbung oder die Präsenz im Wahlkreis. Die befragten Landtags- und Bundestagsabgeordneten der Jenaer Abgeordnetenbefragung 2022 beziffern die Gesamtkosten für ihren zurückliegenden Wahlkampf im Durchschnitt auf rund 35.000 Euro – mit einer Bandbreite von 1.500 bis zu 250.000 Euro.

Für die Frage nach „unequal democracy“ ist nicht nur die absolute Höhe der Ausgaben entscheidend, sondern auch ihre Herkunft – denn der Zugang zu Finanzquellen ist selbst ungleich verteilt und eröffnet unterschiedliche politische Handlungsspielräume und Chancen im politischen Wettbewerb.

Durchschnittlich etwa ein Drittel der Wahlkampfkosten wurde von der jeweiligen Partei getragen, ein weiteres Drittel stammte aus Spenden. Die restlichen Kosten finanzierten die Kandidierenden aus privaten Mitteln. Diese Drittelteilung klingt zunächst ausgeglichen, verdeckt jedoch erhebliche individuelle Unterschiede: Während ein Teil der Abgeordneten keine eigene Mittel aufbrachte, steuerten andere bis zu 95.000 Euro privat bei. Auch beim Spendenvolumen reichte die Spannweite von null bis zu 175.000 Euro.

Diese Unterschiede erklären sich zum Teil durch die unterschiedliche Praxis der Wahlkampffinanzierung der Parteien. So erhielten die befragten Abgeordneten von Bündnis 90/Die Grünen und der Linken einen Großteil der Mittel von ihrer Parteiorganisation und müssen entsprechend nur vergleichsweise geringe eigene Mittel aufbringen. Hingegen finanzierten die Abgeordneten von CDU/CSU, SPD, FDP und AfD ihre Kampagnen häufiger zu einem erheblichen Teil selbst. Die individuellen Unterschiede in der Wahlkampffinanzierung hängen jedoch in allen Parteien zudem vom individuellen Vermögen ab: Wer über mehr Vermögen verfügt (gemessen über die Selbsteinschätzung), bringt auch höhere Eigenmittel in den Wahlkampf ein. Zusätzlich erhalten Vermögende auch deutlich höhere Spendensummen. Das Eigentum der Kandidierenden wirkt somit also doppelt: als Voraussetzung für politische Handlungsfähigkeit und als Türöffner zu spendenbereiten Netzwerken.

 

Abbildung 1: Höhe des Wahlkampfbudgets von Abgeordneten in Bundestag und Landesparlamenten in €

Diese empirischen Unterschiede spiegeln sich auch in den Einschätzungen der Abgeordneten selbst wider. Die Befragten bestätigen, dass eigene Mittel und Spenden eine wichtige Rolle für den Zugang zum Parlament und den Erfolg einer Kandidatur spielen. Zwei Drittel der Abgeordneten bewerten diese Rolle von Spenden und Eigenmitteln im Wahlkampf kritisch, da sie die demokratische Chancengleichheit untergrabe. Dabei zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen eigener Finanzierungspraxis und deren normativer Bewertung: So äußern sich insbesondere Abgeordnete der Linken, Grünen und SPD, die signifikant weniger eigene Mittel im Wahlkampf verwenden, besonders kritisch. Hingegen sehen dies Abgeordnete der CDU/CSU, FDP und AfD weniger als problematisch an. Abgeordnete, die selbst einen hohen Anteil an Eigen- oder Spendengeldern einsetzen, bewerten deren Einfluss tendenziell als weniger problematisch.

 

Ungleicher Einfluss aus Sicht der Abgeordneten

Neben ungleichen finanziellen Ressourcen im Wahlkampf, die die Rekrutierung beeinflussen, zeigen sich auch deutliche Unterschiede bei der Repräsentation als zweiter Dimension: So sehen die Abgeordneten deutliche Unterschiede bei den politischen Einflussmöglichkeiten verschiedener gesellschaftlicher Akteure auf die Politik. Besonders großen Einfluss schreiben sie großen Wirtschaftsverbänden und den Parteien zu, die als nahezu gleich einflussreich eingeschätzt werden. Auf einer Skala von 1 bis 10, auf der 10 den stärksten Einfluss markiert, erhalten die Parteien im Durchschnitt einen Wert von 7,7, die Wirtschaftsverbände von 7,4. Dahinter folgen die Führungsetagen großer Unternehmen. Die geringsten Einflussmöglichkeiten sehen die Befragten hingegen bei den Durchschnittswählerinnen und -wählern. Mehr als die Hälfte ordnete sie mit einem Wert von drei oder weniger ein.

Abbildung 2: Wahrnehmung des politischen Einflusses verschiedener Akteure

Zwischen diesen Polen verorten die Abgeordneten weitere Akteure, darunter große nicht-wirtschaftliche Organisationen wie Gewerkschaften oder Umweltverbände sowie Managerinnen und Manager großer Unternehmen. Auf ähnlichem Niveau sehen sie auch die Reichen (das reichste 1%), denen sie im Durchschnitt einen Einflusswert von 6,3 zuschreiben. Aus Sicht der Befragten gehören die Reichsten damit klar zu den Akteuren, die politische Entscheidungen prägen können. Demgegenüber verorten Abgeordnete ihren eigenen Einfluss deutlich darunter. Diese Selbstwahrnehmung begrenzter politischer Wirkmacht ist aus früheren Abgeordnetenstudien bekannt und wird hier erneut bestätigt (vgl. Alemann/Klewes/Rauch 2011).

Abbildung 3: Gründe für vermeintliche ungleiche Responsivität

Trotz dieser wahrgenommenen Einflussunterschiede weisen die meisten Abgeordneten den in der Öffentlichkeit verbreiteten Eindruck, die Politik orientiere sich stärker an den Interessen Wohlhabender, als Vorurteil zurück. Zur Begründung dieser vermeintlichen Vorurteile verweisen sie dagegen vor allem auf strukturelle Rahmenbedingungen, wie die starke Vermögenskonzentration in der Gesellschaft (85 %), die geringere politische Beteiligung ressourcenschwächerer Bevölkerungsgruppen (75 %) sowie ein verbreitetes Misstrauen gegenüber politischen Institutionen und politischen Akteuren (69 %) (Abb. 3). Diese Faktoren, so die Einschätzung der Befragten, rufen in der Bevölkerung den fälschlichen Eindruck einer einseitigen politischen Responsivität, also einer Orientierung der Politik an den Interessen Wohlhabender hervor, ohne dass es tatsächlich eine systematische Bevorzugung reicher Interessen gäbe.

 Die eigene Rolle thematisieren die Abgeordneten in diesem Zusammenhang nur selten. Zwar verweisen 27 % respektive 39 % der Befragten auf häufigere Kontakte mit Wohlhabenden oder die soziale Homogenität der Parlamente, doch werden diese Hinweise selten als zentrale Ursachen für das gesellschaftliche Vorurteil einer Bevorzugung reicher Interessen betrachtet. Es zeigt sich damit ein widersprüchliches Muster: Die Abgeordneten erklären den Eindruck ungleicher politischer Responsivität überwiegend strukturell, bringen ihn jedoch nur selten mit dem eigenen Handeln in Verbindung. Damit wird deutlich, dass wahrgenommene strukturelle Einflussungleichheiten nicht automatisch mit einer Anerkennung ungleicher politischer Responsivität einhergehen.

Fazit: Geld, Einfluss und politische Verantwortung

Die Ergebnisse zeichnen ein vielschichtiges Bild der Rolle ökonomischer Ressourcen in der parlamentarischen Demokratie Deutschlands. Deutlich wird zunächst, dass der Weg ins Parlament mit einem hohen privaten Finanzbedarf verbunden ist. Gemessen an Einkommen und Vermögen stellt dieser eine relevante Zugangshürde dar und verweist auf ungleiche Ausgangsbedingungen politischer Rekrutierung und des politischen Wettbewerbs um politische Ämter. Gleichzeitig nehmen Abgeordnete den politischen Einfluss der Reichen als hoch wahr. Das reichste Prozent zählt aus ihrer Sicht zu den politisch wirksamen Akteuren, allerdings mit weniger Einfluss als organisierte Interessenvertretungen wie Parteien oder Wirtschaftsverbände. Trotz dieser Wahrnehmung lehnt eine Mehrheit der Abgeordneten die Annahme ab, Politik setze sich vorrangig bzw. stärker für die Interessen reicher Gruppen oder Organisationen ein. Vielmehr halten sie diese ungleiche Responsivität für ein in der Öffentlichkeit zwar verbreitetes, aber unzutreffendes Vorurteil. Die Erklärung dieser merkwürdigen Diskrepanz kann unterschiedlich sein. So kann es als politisch problematisch gelten, ungleiche Responsivität zu Gunsten reicher Interessen zuzugeben. Plausibler scheint jedoch der Verweis darauf, dass sich viele Abgeordnete als vergleichsweise wenig einflussreich wahrnehmen. Entsprechend verorten sie Ursachen ungleicher Repräsentation eher außerhalb des eigenen Handelns, etwa in den strukturellen Rahmenbedingungen politischer Entscheidungsprozesse. So können die Interessen ökonomisch Privilegierter sich auch dann durchsetzen, wenn die Abgeordneten eigentlich andere Ziele verfolgen, z.B. Arbeitsplätze zu erhalten. Der Einbezug wirtschaftlich starker Akteure erscheint dann weniger als politische Bevorzugung denn als Bestandteil pragmatischer Entscheidungsprozesse zur Verfolgung gemeinwohlorientierter Ziele. Damit zeigt sich, dass politische Ungleichheit nicht nur eine Frage ungleicher Ressourcen ist, sondern auch davon, wie politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger ihren eigenen Handlungsspielraum wahrnehmen und interpretieren. Es gilt daher genauer zu untersuchen, ob und unter welchen Bedingungen ökonomischer Einfluss den Abgeordneten als selbstverständlicher Bestandteil politischer Entscheidungsprozesse erscheint und nicht als Frage eigener politischer Verantwortung.

 

 

Frageformulierungen zu den Abbildungen: 

Abbildung 1: „Wie viel Geld haben Sie insgesamt für Ihren Wahlkampf ausgegeben? Und welcher Anteil Ihres Budgets stammte von der Partei, aus Spenden, aus Ihren privaten Mitteln?“ Quelle: Reiser/Rinne/Vogel 2023

Abbildung 2: „Die Politik in Deutschland wird von verschiedenen Gruppen beeinflusst. Bitte sagen Sie mir für die folgenden Gruppen auf einer Skala von 1 bis 10, wie viel Einfluss diese Ihrer Meinung nach haben, wobei 1 ‚überhaupt kein Einfluss‘ und 10 ‚sehr großen Einfluss‘ bedeutet.“ Quelle: Reiser/Rinne/Vogel 2023

Abbildung 3: „Was denken Sie, warum sich dieses Vorurteil so hartnäckig in der Bevölkerung hält? Stimmen Sie den folgenden Erklärungen voll und ganz zu, eher zu, lehnen Sie diese ab, oder lehnen Sie diese völlig ab“. Die Antwortmöglichkeiten „voll und ganz zu“ und „eher zu“ wurden als Zustimmung zusammengefasst. Quelle: Reiser/Rinne/Vogel 2023