Zeitschriftenbeitrag von Philipp Köncke, Lucas Erlbacher und Stefan Schmalz
Chinas Eigentumsordnung im Umbruch: Tradition, Transformation und die Neuordnung globaler Machtverhältnisse
China ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einem zentralen geopolitischen Akteur aufgestiegen. Eigentumstheoretische Debatten über diese Entwicklung blieben jedoch lange vergleichsweise blass und unpräzise. Die Beiträge dieses Dossiers zeichnen demgegenüber ein differenziertes Bild einer hybriden Eigentumsordnung, in der staatliche Steuerungsmechanismen, marktvermittelte Dynamiken, soziale Praktiken und geopolitische Strategien eng miteinander verschränkt sind. In den unterschiedlichen Texten geht es darum, wie Eigentum in China unter den Bedingungen tiefgreifender gesellschaftlicher Transformationen, globaler Machtverschiebungen und ökologischer Krisen neu organisiert wird. Das vorliegende Dossier nähert sich dem Thema Eigentum in China aus drei Perspektiven.
Erstens rücken die hier versammelten Beiträge Eigentum als soziale Praxis und kulturell eingebettete Form gesellschaftlicher Ordnung in den Mittelpunkt. Sie fragen nach alltäglichen Formen der Aneignung, Aushandlung und Bedeutungsproduktion. Anhand von Wohn- und Bodenverhältnissen, Umweltpraktiken, Vorstellungen von Wohlstand oder Ritualen des Todes wird sichtbar, wie Eigentum durch soziale Beziehungen, gemeinschaftliche Nutzungen und kulturelle Praktiken hervorgebracht und stabilisiert wird.
Zweitens zeigen die Beiträge, dass sich die Eigentumsordnung innerhalb Chinas während der letzten hundert Jahre tiefgreifend transformiert hat. Dieser innere Strukturwandel stellt zentrale Annahmen westlicher Kapitalismus- und Eigentumstheorien infrage, da die Institution des Eigentums eine historische wie ideologische Spezifik aufweist, die eng mit der Neukonfiguration des Verhältnisses von Staat und Markt verbunden ist. Damit wird am Beispiel Chinas deutlich, wie Marktmechanismen, staatliche Steuerung und parteipolitische Kontrolle eine neuartige Verbindung eingehen.
Drittens illustrieren die Beiträge, dass Chinas Aufstieg zur globalen Wirtschafts- und Technologiemacht zunehmend als Konflikt um Eigentum, Kontrolle und geopolitische Ordnung zu verstehen ist. Eigentumsformen, industrielle Strategien und technologische Infrastrukturen werden dabei immer stärker zum Gegenstand internationaler Machtkämpfe. Im Zentrum steht die Frage, wie die Internationalisierung des chinesischen Parteistaatskapitalismus bestehende Formen globaler Wirtschaftsordnung herausfordert und insbesondere in den USA und Europa neue industrie-, sicherheits- und geopolitische Reaktionen hervorruft.